top of page

Gemeinsam einsam - Literatur von Gefangenen


Patrick ist zum zweiten Mal zur Suchttherapie auf der Fazenda. Schon 2003 kam er zum ersten Mal, brach aber nach einigen Wochen ab. Seitdem hat er über 10 Jahre im Gefängnis gesessen. Die Hoffnung auf ein neues Leben in wirklicher Freiheit brachte ihn zurück auf die Fazenda, wo er jetzt schon einige Monate auf einem guten Weg ist.

In seiner Zeit im Gefängnis entstand folgender Text, der auch in einem Buch mit ausgezeichneter Literatur von Gefangen veröffentlicht wurde.

(Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene: Gemeinsam Einsam):










Ich lebe…


Der Morgen, schweres Erwachen nach einer Nacht voller stiller Schreie, lautlosem Weinen von allen Seiten. Der Schmerz und die Sehnsüchte jedes einzelnen waren zu hören, die stummen und die quälend leisen Gedanken des Mannes neben mir, unter mir und über mir. Durch Wände und Türen konnte ich sie hören, in der Stille der Nacht, auf meinem Bett, in meiner Zelle.

Die schwere Zellentür öffnet sich. Ein lautes, emotionsloses „Guten Morgen“. Genauso laut, wie sie sich öffnete, knallt sie wieder in ihr Schloss. „Lebendkontrolle“ nennt sich das. Ja, ich bin noch da, physisch anwesend. Hatte nicht den Mut zu gehen. Stattdessen den Willen zu bleiben, durchzuhalten, es besser zu machen - irgendwann.

Mühsam stehe ich auf aus meinem Bett. Mein Bett, der einzige Zufluchtsort, meine Festung, in die ich mich nicht nur nachts zurückziehe. Ich stehe vor meinem Bett, sehe es mir noch einmal an, überlege, ob ich mich noch einmal hinlege, davonlaufe vor der ernüchternden Realität, die mich heute wie jeden Tag erwartet.

Du musst, sage ich mir in Gedanken immer wieder. Dann gehe ich ein paar Schritte auf mein Waschbecken zu. Ich begegne mir selbst und erschrecke vor meinem Spiegelbild. Ich sehe einen gebrochenen Mann.