Therapiekonzept

Rekuperation: Ein hoffnungsvolles Therapie-Konzept

Die Therapie auf der Fazenda da Esperança nennen wir Rekuperation. Das Wort kommt aus dem Portugiesischen und bedeutet ursprünglich in Latein „sich wieder gewinnen / finden“. Die Betroffenen werden nicht als Klienten oder Patienten bezeichnet, sondern als „Rekuperanten“, weil es das Ziel des Fazendaaufenthaltes ist, sich selbst und ein gelingendes, gemeinschaftliches Leben wieder zu entdecken. In der einjährigen Therapie können die Rekuperanten ihre eigenen körperlichen und seelischen Kräfte wiedererlangen. Es geht um einen Prozess des Neu-werdens im ganzheitlichen Sinne und ist daher mehr als ein Leben ohne Drogen, es geht um den Anfang eines neuen Lebens.

 

Wie in einer Familie

„Die Fazenda ist kein klassisches Therapie- bzw. Nachsorgezentrum, in denen Fachleute Alkohol- und Drogenkranke berufsmäßig therapieren und rehabilitieren. Die Fazenda ist ein Ort der Lebensfindung für Abhängige. Sie lässt die karitative „Wirk"-lichkeit einer Familie (nach)erfahren – eine Erfahrung, die viele Betroffene in ihrem Leben bislang nicht machen durften. Dadurch wird dem Einzelnen ein neues Vertrauen zum Leben ermöglicht. Außerdem vermittelt sie wie eine Familie psycho-soziale Lebensgrundkompetenzen.“[1]

Die drei Säulen: Arbeit, Gemeinschaft und Spiritualität

Die Therapie, die vom Portugiesischen her „Rekuperation“ genannt wird, basiert auf drei Säulen:

Arbeit als pädagogischer Prozess, durch den das Selbstbewusstsein gestärkt und ein Teil zum gemeinschaftlichen Lebensunterhalt beigetragen wird; das Leben in Gemeinschaft, in welchem man Wertschätzung und Selbstannahme erfährt und das ein Instrument zur Herausbildung und Änderung von Werten ist, indem man den Anderen und seinen Freiraum zu respektieren lernt; und schließlich die Spiritualität, in welcher das Evangelium mit seiner Moral und seinen Prinzipien als Wegweiser dient.

 

Spiritualität

Sie ist nicht der einzige, doch der wichtigste Aspekt im Ansatz der Fazenda da Esperança. Die Spiritualität ist die Basis und der gegenwärtige Verknüpfungspunkt in jedem Moment und bei allen Aktivitäten. Ihr Kern ist die konkrete persönliche Erfahrung der Liebe Gottes durch das gelebte Evangelium. Durch die Einladung zu diesem neuen Lebensstil können die Rekuperanten den von Egoismus und Einsamkeit geprägten Kreislauf der Droge durchbrechen. Konkretisiert wird die Spiritualität, indem jeden Tag gemeinsam eine Bibelstelle gelesen und ein Wort oder Tagesmotto herausgesucht wird, um dieses dann in der Praxis umzusetzen. Außerdem betet man und feiert wöchentlich Gottesdienst. Diese Übung, sich von den Weisungen des Wortes Gottes in der Arbeit und im Zusammenleben leiten zu lassen und die umgesetzten Taten am Abend miteinander zu teilen, führt in die Erfahrung einer neuen Lebendigkeit und Hoffnung hinein.

 

Gemeinschaft

In einem Leben der Sucht befinden sich die soziale Kompetenz und das Miteinander in einem katastrophalen Zustand. Mit den nahestehenden Personen lebt man in Streit, Unverständnis und Verletzungen; auf der Straße ist man verwickelt in Kämpfe und Gewalt; oft gibt es keinen liebevollen Ort. Deshalb flüchten viele und vermeiden die persönliche Begegnung - vor allem mit denen, die sie lieben. Auf der Fazenda da Esperanca gibt es keinen Raum die soziale Begegnung zu vermeiden. Die internen Beziehungen sind so strukturiert, dass man sich einem Miteinander aussetzen muss. Es gibt Mehrbettzimmer, die Mahlzeiten werden zusammen eingenommen, es gibt keine Arbeit, die man alleine ausführt, und 90% der Freizeit sind Spiele und Gruppenaktivitäten. Selbst wenn man in der Kapelle einen Moment der Stille sucht, hat dieser doch den Sinn, eine Beziehung mit Gott aufzubauen. Dies alles soll nicht einfach nur die Nerven aufreiben. Natürlich gibt es Konflikte, doch diese sind für die jungen Leute, die immer Schwierigkeiten vermieden haben, eine Möglichkeit zu lernen, diese zu überwinden. So erkennen sie ihre eigenen Verletzungen und setzen sich mit ihrer persönlichen Begrenztheit auseinander. Dabei unterstützt sie das Wort Gottes wie ein Werkzeug, damit eine neue Einstellung wachsen kann. Kleine Gesten der Liebe verwandeln die jungen Männer und Frauen, die zuvor alle Hoffnung und die Perspektive auf eine bessere Zukunft verloren hatten. Sie entdecken die Gemeinschaft und den Nächsten als einen Schatz in ihrem Leben und erfahren sich so als neue Menschen. Dadurch werden sie vorbereitet, um als solche zurück in das gesellschaftliche Leben zu kehren.

Arbeit

Die Arbeit als pädagogischer Prozess in der Therapie verfolgt das Ziel, eine Tagesstruktur, körperliche Kraft, Kreativität, Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein wieder zu erlangen. Es bildet sich die Perspektive für ein neues Leben heraus, wenn man an jedem Morgen früh aufstehen und einer Verantwortung nachkommen muss. Dadurch erlangt die Arbeit einen therapeutischen Charakter. In der Regel werden täglich sechs bis acht Stunden gearbeitet, wobei es verschiedene Tätigkeiten im Bereich der Landwirtschaft, Hauswirtschaft, Handarbeit, usw. gibt. Normalerweise geht man den Tätigkeiten in der Gruppe nach. Dadurch werden der gegenseitige Austausch, das Leben mit dem Wort und der Lernprozess gefördert, doch vor allem entwickelt man sich als ein festes und nützliches Mitglied einer Gruppe. Auf der Straße und in der Sucht gibt es keine Routine. Die Arbeit hilft, diese Haltung, welche sich in den verirrten Jahren der Sucht entwickelt hat, zu ändern. Es wird Wert darauf gelegt, dass sich die Bewohner in allen Aspekten weiterentwickeln und durch regelmäßige Arbeit bereiten sich die Bewohner darauf vor, wieder als aktive und verantwortungsbewusste Mitglieder in die Gesellschaft zurück zu kehren.

 

​Jeder ist willkommen

Jeder ist auf der Fazenda willkommen, unabhängig von Religion und Kultur, solange man sich offen für den Tagesablauf und die Regeln zeigt. Beim gemeinsamen Tagesbeginn mit Morgengebet herrscht zwar Anwesenheitspflicht, aber kein Zwang mitzubeten. Da die Fazenda Hilfesuchende ohne Therapiekostenzusage der Rentenversicherung oder der Krankenkassen aufnimmt, ist sie für viele suchtkranke und oft bereits obdachlose Menschen, die durch Drogen alles verloren haben und aus dem Sozialsystem gefallen sind, der Ort der letzten Hoffnung. Seit 2010 kann die Fazenda nach §§35 und 36 Betäubungsmittelgesetz BtMG „Therapie statt Strafe“ durchführen. Seitdem kommen auch viele Drogenabhängige aus Justizvollzugsanstalten. Ebenso können Sozialstunden auf der Fazenda in einer positiv inspirierenden Umgebung abgeleistet werden.

 

​Fit für ein neues Leben

Nach der Therapie gibt die Fazenda auf vielfältige Weise Hilfestellung für eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Das Netzwerk der Freunde der Fazendas ist bei der Arbeitsvermittlung sehr hilfreich. Viele Rekuperanten haben durch die tägliche und verantwortungsbewusste Arbeit auf der Fazenda praktische Fertigkeiten erworben, vor allem aber ein positives Verhältnis zu einem geregelten Arbeitsleben entwickelt, sodass sie sich normalerweise wieder gut in die Gesellschaft einfügen können. Aufgrund der vielen Gäste und Gruppen auf der Fazenda findet bereits eine behutsame Eingliederung in die Gesellschaft im geschützten Raum der Fazenda statt. Viele Ehemalige bleiben aber auch noch für eine Zeit auf der Fazenda, um sich selbst weiter zu festigen und einen Teil ihrer Erfahrung weiterzugeben. Teilweise übernehmen sie später auch Leitungsfunktionen. Häufig werden die Leiter mit einer Drogenvergangenheit besonders akzeptiert, da sie die Situation der Bewohner besser nachvollziehen können. Durch dieses Prinzip der Selbsthilfe kommt die Fazenda auch ohne bezahltes Fachpersonal aus. Das schließt nicht aus, dass die Fazenda fallweise medizinische oder psychologische Fachdienste von Kliniken und Beratungsdiensten in Anspruch nimmt.

 

Übersicht über die Besonderheiten und Ziele der Fazenda da Esperança:

  • Familiäres Zusammenleben

    1. Kein extern wohnendes Personal, sondern alle leben auf den Höfen zusammen

    2. Keine Mitarbeiter, sondern nur ehrenamtlich Tätige

    3. Keine Patienten, sondern „Rekuperanten“ (lat.: sich wiedergewinnen) als Teil der Fazenda-Familie

      • Karitative „Wirk“-lichkeit der Familie wird (nach)erfahren

      • Vertrauen, Wohlwollen, Verständnis, Einheit in der Vielfalt und Geborgenheit als heilende Quellen

      • Psycho-soziale Lebensgrundkompetenzen werden wiedererlangt bzw. erlernt

      • Familie als Identitätsanker

 

  • Ehemalige Drogenabhängige in Leitung und Begleitung

    1. Sie sind Hoffnungsträger: Rekuperanten haben Vorbilder und fühlen sich verstanden

    2. Sie sind Drogenexperten: Sie verstehen als Leitung die Rekuperanten

 

  • Spiritualität

    1. Lebenskraft und Lebensweisheit aus christlichen Traditionen und Quellen

    2. Sinn- und Werteorientierung

    3. Reflexion des Alltags

    4. Einübung in die christliche Nächstenliebe

    5. Glauben als Identitätsanker

 

  • Finanzierung

    1. Eigenfinanziert durch Arbeit, Spenden und schlichte Lebensweise

    2. Verzicht auf staatliche Unterstützung

      • Eigene Arbeit wird existenziell und damit sinnstiftend

    3. Aufnahme ohne Kostenzusage der Rentenversicherung oder Krankenkassen

      • Die aus dem Sozialsystem Gefallenen können aufgenommen werden

      • Schnelle und unkomplizierte Aufnahme

  

  • Gesellschaftliche Interaktion

    1. Die Fazendas sind vielfältig mit der gesellschaftlichen Umgebung und der Kirche verflochten:

      • Angebote von Präventionsarbeit an Schulen, sozialen Einrichtungen, u.a.

      • Teilnahme am Gemeindeleben

      • Veranstaltung von Festen, Hofcafés und Führungen

      • Möglichkeit zur Mitarbeit und zum Mitleben

      • Abbau von Vorurteilen gegenüber drogenabhängigen Menschen

      • Vorbild und Inspiration für ehrenamtliches Engagement und Christsein

    2. Die Höfe sind offen für alle, die Interesse haben:

      • Möglichkeit zu vielen Formen des Engagements, Mitlebens und des Mit-Heilwerdens (Praktika, „Kloster auf Zeit“)

      • Nachhaltige Vergesellschaftung und Beheimatung der Bewohner durch die vielfältigen sozialen Kontakte

[1] Pompey, Heinrich: Lebens- und Glaubensgemeinschaft. Die heilende Kraft und Inspiration der Fazenda da Esperanca. In: Klasvogt, Peter; Pompey, Heinrich (Hrsg.): Liebe bewegt ... und verändert die Welt: Programmansage für eine Kirche, die liebt: eine Antwort auf die Enzyklika Papst Benedikts XVI. "Deus caritas est". Paderborn: Bonifatius, 2008, S. 296-303.

Therapie-Erfahrungen:

Raphaels Erfahrung auf der Fazenda

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