Gemeinsam einsam - Literatur von Gefangenen

04.12.2018

Autor:

 

Patrick ist zum zweiten Mal zur Suchttherapie auf der Fazenda. Schon 2003 kam er zum ersten Mal, brach aber nach einigen Wochen ab. Seitdem hat er über 10 Jahre im Gefängnis gesessen. Die Hoffnung auf ein neues Leben in wirklicher Freiheit brachte ihn zurück auf die Fazenda, wo er jetzt schon einige Monate auf einem guten Weg ist. 

In seiner Zeit im Gefängnis entstand folgender Text, der auch in einem Buch mit ausgezeichneter Literatur von Gefangen veröffentlicht wurde. 

(Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene: Gemeinsam Einsam):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich lebe…

 

Der Morgen, schweres Erwachen nach einer Nacht voller stiller Schreie, lautlosem Weinen von allen Seiten. Der Schmerz und die Sehnsüchte jedes einzelnen waren zu hören, die stummen und die quälend leisen Gedanken des Mannes neben mir, unter mir und über mir. Durch Wände und Türen konnte ich sie hören, in der Stille der Nacht, auf meinem Bett, in meiner Zelle.

Die schwere Zellentür öffnet sich. Ein lautes, emotionsloses „Guten Morgen“. Genauso laut, wie sie sich öffnete, knallt sie wieder in ihr Schloss. „Lebendkontrolle“ nennt sich das. Ja, ich bin noch da, physisch anwesend. Hatte nicht den Mut zu gehen. Stattdessen den Willen zu bleiben, durchzuhalten, es besser zu machen - irgendwann.

Mühsam stehe ich auf aus meinem Bett. Mein Bett, der einzige Zufluchtsort, meine Festung, in die ich mich nicht nur nachts zurückziehe. Ich stehe vor meinem Bett, sehe es mir noch einmal an, überlege, ob ich mich noch einmal hinlege, davonlaufe vor der ernüchternden Realität, die mich heute wie jeden Tag erwartet.

Du musst, sage ich mir in Gedanken immer wieder. Dann gehe ich ein paar Schritte auf mein Waschbecken zu. Ich begegne mir selbst und erschrecke vor meinem Spiegelbild. Ich sehe einen gebrochenen Mann. Unter Tränen sehe ich ihn an und er begegnet mir mit fragendem Blick. Wer bist du? Was bist Du? Ist das der Weg, der Sinn, deine Aufgabe im Leben auf diesem Planeten?

Ich sollte mir die Zähne putzen, das Gesicht waschen. Ja, so sollte es sein. Stattdessen tausche ich quälende Fragen und verbitterte Vorwürfe mit diesem Mann im Spiegel aus. Die Zeit vergeht. Sie rinnt dahin.

Ich wache auf aus dem verachtenden Gedankenaustausch mit meinem Spiegelbild, auf meinem Stuhl sitzend, die erste Zigarette des Tages in meiner Hand. Ungewaschen und mit dem bitteren Geschmack des Versagens in meinem Mund.

Zwei Stunden und ein Dutzend Zigaretten sind geraucht, um das Warten und Nichtstun zu erleichtern, zu überstehen. Von außen rastet laut ein Schlüssel in meine Tür, sie wird aufgeschlossen, aber niemand öffnet die Tür und tritt herein. Du weißt, sie ist offen – tausende Male hast du es so erlebt. Ich könnte meinen Käfig verlassen, doch ich rühre mich nicht von der Stelle. Ich starre sie einfach nur an, die Tür. Ich bin in Ketten gelegt, von mir selbst.

Eine Stunde vergeht, eine Stunde, in der ich mich kaum bewege. Doch ich lebe, ich arbeite und ich kämpfe, tief in meinem Innersten. Ich führe Krieg – einen bisweilen aussichtslosen Kampf gegen eine Armee aus Gleichgültigkeit und Selbstmitleid. Gegen Verbitterung und Wut. Ich verliere, wie immer, ich ergebe mich und ziehe mich zurück. Ich verkrieche mich in meine Festung. Und da liege ich wieder in meinem Bett, unter der Decke, mit geschlossenen, tränennassen Augen. Ich ziehe mich zurück, verschwinde in eine andere Welt, eine einfachere, schöne Welt. Ich träume.

Träume von vergangenen, erlebten Momenten. Ich schmücke sie aus, lege sie aneinander, geordnet wie auf einer Filmrolle, füge Wünsche und sehnsüchtige Zukunftsvisionen hinzu und drücke auf Start. Film ab, das Leben beginnt. Es ist nicht echt, aber es lindert den Schmerz. Ich lebe und genieße es. Ich lache und ich weine. Es ist großartig und wunderschön. Ich lebe, mit geschlossenen Augen, zusammengekauert in meiner Festung, unter der Decke in meinem Bett, in meiner Zelle, deren Tür nicht verschlossen ist. Ich lebe.

 

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